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Interview Wiete Lenk 2022
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Ein aktuelles Interview zum Thema "Biografisches Schreiben"; zu Kursen, die u. a. auch in der Dresdner Volkshochschule angeboten werden.


Ein Film vom Literaturnetz Dresden über Schreib- und Lebenserfahrungen mit der Verlegerin Katharina Salomo, der zu Corona-Zeiten in der Dresdner Zentralbibliothek entstanden ist.

 

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Seit fast zehn Jahren gebe ich Kurse an der Volkshochschule Dresden:

  • Schreiben zwischen Handwerk und Kreativität
  • Schreiben als Selbsterkenntnis
  • Erinnern – Erzählen – Schreiben (biografisches Schreiben)
  • Von der Idee zum Text (mehrtägiger Workshop)

Konkrete Termine können dem jeweiligen Semesterprogramm der Volkshochschule entnommen werden.


Anfang April 2020 startete die Arbeiterwohlfahrt Halle-Merseburg auf ihrem YouTube-Kanal ein Vorleseprojekt. Dreimal wöchentlich werden hier Geschichten für Jung und Alt veröffentlicht. Unter anderen auch von der Dresdner Autorin Wiete Lenk, der Frankfurter Autorin Meike Möhle sowie die Wuppertaler Autorin Anke Höhl-Kayser.

 

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Rezensionen

Zwischen den Zeiten leuchtet der Schnee

 

Ulf Großmann, Ostragehege, 01/2024

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Zwischen den Zeiten leuchtet der Schnee

 

Tomas Gärtner, DNN vom 25.01.2024

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Zwischen den Zeiten leuchtet der Schnee

 

Karin Grossmann, Sächische Zeitung vom 19.01.2024

 

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Roman "Zwischen den Zeiten leuchtet der Schnee"

 

DRESDNER KULTURMAGAZIN vom 15.12.2023

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Zwischen den Zeiten leuchtet der Schnee:

Eine herzhaft erzählte Familiengeschichte aus einem Nest an der böhmischen Grenze

 

Ralf Julke, Leipziger Zeitung vom 24.10.2023

 

Schnee gibt’s eine Menge in dieser Geschichte. Stimmt. Immerhin handelt sie in einem kleinen Nest „nahe der böhmischen Grenze“. Und Schnee verhindert auch, dass der Sarg mit Großvater abgeholt werden kann. So dass die kleine Enkelin mit ihrer Großmutter, Hanna Jo, einen ganzen Tag lang noch mit dem Großvater im Haus erlebt. Ein Tag voller Erinnerungen. Eine Familiengeschichte öffnet sich. Und es ist tatsächlich eine, die ungefähr so geschehen sein muss. Mit richtig viel Liebe erzählt.

 

Und damit wieder ein richtig intensiver Roman über eine Familie aus dem Osten. Als wäre es jetzt endlich dran. Und es ist auch dran. Man spürt es. Es muss erzählt werden. Und zwar nicht auf der elenden politischen Ebene, die schon immer falsch war, auch wenn die Politik in das Leben der Menschen immer hineinfunkt hat oder – wie das im 20. Jahrhundert immer wieder der Fall war – die Menschen einspannt hat für ihre falschen Ziele. Man nehme nur „Anselms Krieg“, in dem der Ohpa der Erzählerin seine rechte Hand verliert.

 

Oder „Richards Krieg“, in den Anselms und Hanna Jos Sohn Richard zieht, angefixt von der Kriegsbegeisterung der Nazis, nur um letztlich für den Rest der Geschichte völlig abwesend zu sein, auch wenn er den Krieg in sowjetischer Gefangenschaft überlebt.

 

Es ist auch eine Geschichte über einen abwesenden Vater. Also auch damit eine über dieses gespenstische 20. Jahrhundert, in dem so viele Väter abhanden kamen und die Überlebenden oft nicht wieder zurückfanden in die Welt der Liebe, der Nähe und ein ganz normales Leben. Das meist viel aufregender ist als das inszenierte Rumgehampel auf politisch aufgeheizten Bühnen.

 

Schnee und Lametta

 

Ihren Großeltern hat Wiete Lenk dieses Buch gewidmet, in dem sie tatsächlich die Geschichte ihrer Familie erzählt. Oder genauer – eben die ihrer Großeltern. Anselm ist eigentlich ein Sohn aus ärmsten Verhältnissen, kann durch die Gunst eines Gönners studieren und Lehrer werden, behält aber sein sozialdemokratisches Denken auch, als er Hanna Jo kennenlernt, die eigentlich Johanna heißt und eine der Töchter eines Posamentenunternehmers aus dem Erzgebirge ist, der mit jedem politischen Wechsel ahnt, mit welchen textilen Stücken sich jetzt gutes Geld verdienen lässt.

 

Bei Kriegsbeginn natürlich mit all dem Lametta, das sich Offiziere auf ihre Uniformen basteln. Viele Offiziere, viel Lametta.

 

Und trotzdem wird dieser Anselm akzeptiert, auch wenn er mit seiner Meinung nie hinterm Berg hält. Auch später nicht, als die Nazis an die Macht kommen und in den Schulen der Hitlergruß zur Pflicht wird. Aber wie will er den machen ohne rechte Hand? Die hat Anselm im Krieg eingebüßt. Und der größte Teil der Geschichte, die Wiete Lenk erzählt, widmet sich genau dieser Zeit, als ihre Großelten zusammenkamen. Der Sohn armer Leute und die Unternehmertochter, die ein Leben lang eine Herzlichkeit verbindet, die erst an jenem Tag endet, als Anselm an einem Herzinfarkt stirbt.

 

Der trotzdem kein trauriger Tag wird, auch wenn die Ohme mehrfach wortlos ist und nicht, wie gewohnt, schnippisch auf die Fragen ihrer neugierigen Enkelin antwortet, die bei den Großeltern aufwächst, weil der Vater in Moskau ist. Selbst zur Beerdigung des Ohpas kommt er nicht. Redet sich damit heraus, dass die Flugzeuge wegen zu starken Schnees nicht starten können.

 

Verblendung und Eigensinn

 

Tatsächlich bleibt er blass, eine blecherne Stimme im Telefon, für seine achtjährige Tochter so ungreifbar wie ihre Mutter. Und man merkt, dass diese nicht ganz grundlos von den Großeltern erzählt. Denn sie sind es, die in ihrem Herzen lebendig geblieben sind. Mitsamt ihren Geschichten, die geradezu märchenhaft anmuten, als wäre alles erfunden.

 

Und ein phantasievoller Geschichtenerzähler war der Ohpa ja. Bis zuletzt. Die Fabrik seines Schwiegervaters ist längst verschwunden, abgebrannt nach dem Krieg, als der sich stramm den Nazis andienende Bruder von Hanna Jo, Max, merkte, dass er in seiner Gefolgschaftstreue völlig aufs falsche Pferd gesetzt hatte.

 

Es ist auch eine Geschichte über Verblendung und die Irrwege eines Landes, in dem Männer nur zu bereit sind, immer neuen Schreihälsen nachzulaufen, wenn ihnen Lieder von Patriotismus, von Rache und Überlegenheit eingetrichtert werden. Als könnten Menschen nur auf diese Weise „wieder wer sein“ in der Welt. Als hätten sie das nötig.

 

Es ist auch eine Geschichte über wirklichen Menschenstolz, die humorvolle Eigensinnigkeit, die nicht nur Anselm lebt und Hanna Jo so bewundert. Auch die skurrile Tante Cäcilia spielt eine Rolle, die scheinbar so gar nicht in die bürgerliche Atmosphäre des Unternehmerhaushalts passt, taucht immer mal für drei Tage auf, um mit kessen Sprüchen wieder zu verschwinden. Am Ende ist es ein skurriler Fahrradunfall, der ihr Ende bedeutet. Ihr Grab ist auf dem selben Friedhof, auf dem nun auch Anselm seine letzte Ruhe findet.

 

Was es wirklich zu erzählen gibt

 

Und all das wirkt wie gut ausgedacht. Ist es aber nicht wirklich. Nicht ganz. Auch wenn wir uns unsere Familiengeschichten natürlich alle ausdenken. Oder zusammenbasteln. Denn wir erinnern vor allem das, was uns wirklich berührt hat, die Anekdoten, die immer wieder erzählt wurden, das, was uns ergriffen hat und lebendig bleibt, auch viele Jahre nach Ohpas Tod.

 

Nur dass sich das für die meisten nicht zu einem Roman der Familie fügt. Für manche zu Familienromanen. Das schon. Aber dieser hier ist in dem Sinn keiner, auch wenn Aufstieg und Verschwinden einer erzgebirgischen Unternehmerfamilie im Mittelpunkt stehen.

 

Es ist ganz und gar der Roman der achtjährigen Enkeltochter, die 1967 den Tod ihres Großvaters erlebt und mit diesem Tag, an dem auch die beiden Totengräber noch eifrig Anselms leckeren Limettenlikör trinken, mit all den Erinnerungen verbindet, die Anselm und Hanna Jo für sie bis heute lebendig machen. Und das so liebevoll, dass man merkt, wie stark und emotional man sich an die Menschen erinnern kann, die einem einst eine geborgene Kindheit geschenkt haben.

 

So stark, dass Wiete Lenk sich – auch mit viel Unterstützung ihrer Familie – hinsetzte und diese Geschichte zum Roman verdichtet hat. Und das mit einer erzählerischen Freude, die an viele Stellen an die Erzählfreude eines Heinrich Mann erinnert.

 

So dicht, so intensiv kann Leben erzählt werden. Und man merkt: Das, was es zu erzählen gibt, braucht keine historischen Heldengeschichten (die sowieso meistens erstunken und erlogen sind). Das, was uns tatsächlich berührte, umtrieb und erschütterte, das ist ganz unauffällig rings um uns und mit uns geschehen. Wie selbstverständlich, als wäre das Leben eben einfach dazu da, Liebe und Herzlichkeit zu verschenken. Im Übermaß. Den davon hat man immer genug.

 

Zuhören und Hinschauen

 

Und gleichzeitig sollte es ja auch bedeuten, der Phantasie der Kinder keine bevormundenden Grenzen zu setzen. Weshalb dieser Roman auch die Geschichte einer großen Freiheit ist. Der Freiheit, sich Vorurteilen und Ideologien nicht unterordnen zu müssen. Und das Schräge und Lebenswerte auch und gerade an Mitmenschen zu akzeptieren, die nicht ins Raster de Ordnungsbesessenen passen. Das weiß nicht jede zu erzählen.

 

Denn dazu muss man erzählen können und wissen, worauf es ankommt. Und das weiß die Autorin. Da gibt es nicht all diese öden inneren Dialoge und Monologe, mit denen die deutsche Blümchenliteratur das Publikum langweilt. Die Autorin erzählt, was sie sieht.

 

Sie lässt ihre Figuren agieren. Und zwar wie selbstverständlich. Das Leben braucht keine Erklärungen. Es ist. Jetzt. Ganz im intensiven Moment. Ein wenig pointiert durch Gespräche, die eben keine gelehrten Vorträge sind, kein Bühnendeutsch, sondern jene aufs Wesentliche reduzierten Brocken an Kommunikation, die sich ganz von allein erschließen, wenn man mit der Erzählerin einfach zuhört.

 

Erwachsene können sich so schlecht verstellen. Kinder bekommen doch (fast) alles mit. Gerade dann, wenn sie an den gewissen Stellen hinausgeschickt werden. Da werden selbst in den Äußerungen der handelnden Figuren ganze Erklärungen überflüssig. Etwa wenn Anselm an der feierlich gedeckten Tafel der Unternehmerfamilie Dehnel ganz selbstverständlich sagt: „Graupen und Steckrüben brauchen kein Tischgebet.“ Scheinheiligkeit ist ihm völlig fremd. Und da er mit dem Satz schon die ganze Aufmerksamkeit der Familie hat, schiebt er gleich noch einen hinterher: „Gott scheint die deutsche Hybris mit Rüben und Kohl zu strafen.“

 

So einen Großvater darf man sich wünschen. Auch wenn er sich dann im Zusammenleben mit Hanna Jo (den Namen hat er selbst einfach umgedreht) die Kommentare dann lieber verkneift und nur mit einem ironischen „Ähm“ andeutet, dass Hanna Jo doch wieder ein bisschen zu sehr übertreibt. Die beiden lieben sich. Das sieht selbst die Enkelin. Auf eine zutiefst sinnliche Weise. Auch wenn beide sich erst wieder finden müssen nach Anselms Verwundung und dem Verlust der Hand.

 

Zeit für große Familiengeschichten

 

Und Wiete Lenk weiß, dass man das, was dann wirklich in den entscheidenden Momenten passiert, nicht erzählen kann. Und schon gar nicht ausmalen sollte. Erzählen hat nichts mit Auspinseln zu tun. Das Wesentliche passiert – man kann es ja bei Tucholsky lernen – da, wo die drei Pünktchen sind.

 

Aber die drei Pünktchen bemerken wir meistens nicht, wenn es passiert. Und reden und erklären alles. Dabei muss gar nicht viel erklärt werden. Nicht einmal, dass Anseln auf Hanna Jos Gewissheit, dass sie ganz gewiss einen Jungen bekommt, meint: „Ich sehe da eine Chance von 50 Prozent.“

 

In dieser Dichte des Erzählens – verbunden mit einem liebenswerten Lebenshumor – gehört das Buch in eine Reihe gerade in jüngster Zeit erschienener bewegender „Familienromane“ aus dem Osten. Man denke nur an „An des Haffes anderm Strand“.

 

Auf einmal scheinen es gerade Autorinnen zu sein, die das viel zu enge Korsett der „Ostgeschichten“ aufbrechen und den Atem der großen Geschichte da suchen und finden, wo es um die Erzählungen ganzer Generationen geht, die in den Mühlen eines übergriffigen Jahrhunderts ihre Menschlichkeit zu bewahren suchten. Auch ihre Anständigkeit in Zeiten der Zumutung, ihre menschliche Würde.

 

Darum geht es ja letztlich im Leben. Und wenn wir Glück haben, erinnern sich unsere Enkelkinder so an uns, wie die Erzählerin an Großvater Anselm. Der sich ja vielleicht wirklich einen ganzen Tag lang überlegt hat, ob er sich tatsächlich in den Sarg legt. Oder doch lieber noch ein bisschen auf dem Dachboden herumgeistert und seiner Enkelin ein bisschen hilft, mit der neuen Situation zurechtzukommen.

Erzählband "Nimm einen Namen"

 

DRESDNER KULTURMAGAZIN - 32. Jahrgang, September 2021

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Solveig Frey, 19.04.2020

 

„Nimm einen Namen“ heißt der neue Erzählband der Autorin Wiete Lenk. So wie ihr letzter Band „Krähenbeißer“ ist auch er im Dresdner Verlag Zwiebook erschienen.

Tatsächlich könnte er jedoch den Titel „Ich erinnere mich an...“ tragen. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass die Autorin diese Worte beim Schreiben im Hinterkopf hatte.

Ich erinnere mich an...die Nachbarstochter, mit der ich Kirschkern-spucken geübt habe. Ich vermisse sie so wie die anderen Kinderspiele, in denen wir das Erwachsensein probten: Das ungezwungene Nacktbaden, die ersten Zigaretten, das erste Stelldichein...

Aber: „Es kimmt alles wieder“, denkt Julius in der Erzählung „Trude“ und erinnert sich dabei an den alten Menne, der jahrelang eine Wetterstation bestritt. Dieser Gedanke steht im Buch stellvertretend für all die erlittenen Verluste: des ersten Freundes, der Schwester, der Mutter und des Vaters und sogar der Heimat – kleine Lücken, die größer werden mit zunehmendem Alter und wachsenden Erfahrungen.

Hier fühle ich mich heimisch, erinnere längst vergessen Geglaubtes. Weil die Texte eigenes Erleben assoziieren. Und weil die Welt, in die ich eintauche, zum größten Teil die zwischen den Mauern ist, ist es auch ein Teil meiner Geschichte. Die erzählt natürlich Jede und Jeder anders. Wiete Lenk beschreibt sie auf eine besondere Art und Weise. Sie verknüpft Erinnerungen mit Beobachtungen, verbindet Erlebtes mit Erzähltem und berührt dabei tief die Sinne der Leserin. Aber auch wenn ich mich in eine frühere Zeit zurückversetzt finde, sprechen die Dinge doch ebenso vom Heute. Geändert haben sich einige Begrifflichkeiten. Mancherlei Worte haben einen seltsamen, fernen Klang. Für unsere Kinder werden sie sich fremd anhören.

Die damals gängige Zigarettensorte war f6, man trug Nylons von Esda, die Marmelade kam aus der HO. Man hörte heimlich Rias oder Radio Luxemburg. Und Kölsch Wasser steckte im „Westpaket“.

Heute trinkt man Mate und Mixgetränke statt Gotano. Also da erinnere ich mich doch an... - aber das wäre meine eigene (ungeschriebene) Geschichte.

In den Texten geht es neben Vergangenheits- auch um Angst- und Schmerzbewältigung.

Wiete Lenk gelingt es in den kleinen Begebenheiten unerwartete Wendungen zu präsentieren. Sie baut Spannungen auf um Fragen zu lösen oder sie auch mal offen zu lassen. Sie macht damit ein Weiterdenken der Geschichte möglich, aber auch kleine Beben auszulösen. Außerdem provoziert sie die Frage: Ist meine Assoziation die hier gemeinte? Für mich war dies besonders bei der letzten Erzählung mit dem Titel „Hexe“ der Fall, in der die Rose, deren Farbe sowie die Protagonisten als auch die Szenerie eine sehr fragile Rolle spielen.

Die Dramaturgie des Buches berücksichtigt Zeitgeschehen, Intimität und Fiktion. Ich finde diesen Aufbau genauso gelungen wie die poetische Beschreibung großer und kleiner Momente des Alltags. Deshalb erinnere ich mich gern auch nach der Lektüre an diese und empfehle den Erzählband der Dresdner Autorin Wiete Lenk unbedingt zur eigenen Erinnerungserweiterung.

 

 

Erzählband „Krähenbeißer“

 

Undine Materni, SZ vom 31.01.2018

 

„Ellenbogen in Spiritus“ – Absurdes und Abgründiges

 

Es mag in der Natur der Sache liegen, dass die Kurzgeschichte nicht das Genre für das große Welttheater ist, sondern eher ein Ort für privateVorstellungen. Eine Sammlung von Kurzgeschichten kann jedoch gleich einem Mosaik sehr wohl das große Welttheater im Blick haben. Ein Beispiel dafür bietet der Band „Krähenbeißer“ der Dresdner Autorin Wiete Lenk.

Hier ist eine Autorin am Werk, die den Meistern des Genres wie Heinrich Böll oder Wolfdietrich Schnurre Ehre erweist. Wiete Lenk, die als Stewardess und Bilanzbuchhalterin arbeitete, nimmt das Erzählen ernst. Ihr geht es nur um die Geschichte und nicht um sich selbst. So in dem Text „Posamenten“, mit dem sie 2016 einen Kammweg-Literaturförderpreis gewann. Hier geht es um Quasten und zugleich um alles: Im Jahr 1917 heiratet Anselm Krüger, Lehrer und überzeugter Sozi, die Tochter eines Strumpf- und Posamentenherstellers. Kurz darauf zieht Anselm in den Krieg. Ein Stück seines Ellenbogens lässt er in Spiritus einlegen. Sein Sohn wird an dem Tag geboren, an dem die Posamentenfabrik schließen muss, denn „die Revolution benötigt keine Posamenten“. Anselm Krüger verlässt nach dem Tod seiner Frau das Erzgebirge mit seinem Ellenbogenknochen und allen Posamentenentwürfen in Richtung Amerika. Das deutsche Militär braucht nun Fallschirmseide.

Was hier auf sieben Seiten erzählt wird, ist ebenso ungeheuerlich wie genial. Mit dem scheinbar beiläufigen Satz „Dann ging alles sehr schnell“ zurrt die Autorin eine Epoche zwischen zwei Kriegen zusammen. Das tut sie so anschaulich, dass sowohl der Wunsch aufkommt, mehr über Anselm Krüger zu erfahren, als auch die Gewissheit, dass alles gesagt ist.

Das Abenteuerliche an diesem Erzählband besteht vor allem darin, dass sich die Autorin in den 21 kurzen Texten weder auf eine bestimmte Zeit noch auf bestimmte Sujets oder Themen festlegt. Ihre eigene Stimme ist immer zu spüren: leise, reduziert und nie weinerlich oder belehrend. Und doch geht es in nahezu allen Geschichten um Absurdes oder Abgründiges, so auch im Text „Fingerhakeln“.

Hier folgt die Erzählerin einer Frau, die bei einem Juwelier Ringe verkauftund dann in einer Kneipe Männer beim Fingerhakeln beobachtet. Die Aufforderung, sich zu beteiligen, wehrt sie ab, in dem sie ihre Hände vorstreckt: „Ich verliere nicht gern.“ Erst am Schluss wird in einer Szene deutlich, worum es geht: Es fehlt etwas Existenzielles, was diese Frau zum Fingerhakeln oder Ringetragen braucht.

Manchmal bleibt auch der Schluss einer Geschichte in der Schwebe, weil der Held oder die Heldin unbemerkt durch eine Hintertür gegangen sind. Es ist am Leser, dies auszuhalten oder weiterzudenken. Denn das kleine Welttheater ändert sich ebenso schnell, wie das große.

Literaturförderpreis für „Posamenten“

 

Kerstin Becker, DNN vom 20.06.2016

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Erzählband „Drei Wochen drüber“

 

Martina Freier, Lektoratsdienste der EKZ, Ausgabe 17.06.2013

 

Der Titel suggeriert, dass es sich in diesem Buch um eine junge Frau handelt, deren Periode überfällig ist und die sich deshalb mit einer Schwangerschaft arrangieren muss. Aber, das ist nur ein kleiner Aspekt in einer der vielen kurzen Geschichten, die Stationen des menschlichen Lebens hinterfragen, von der Geburt bis zum Tod. Das ist eine hübsche Idee, in die sich der Leser immer wieder einlassen und sich eine eigene Meinung bilden kann. Der Stil der sächsischen Autorin ist sehr gepflegt. Nur hat sie einen Hang zu Vergleichen und Attributen, die dem Sprachfluss manchmal im Wege stehen. Alles in allem bleibt es eine Sammlung von lebendigen Kurzgeschichten, die man immer wieder gerne zur Hand nimmt.

 

 

Thomas Gärtner, DNN vom 03.03.2014

 

Hundegehör für Dornenschreie

 

Der Abend mit der Dresdner Autorin Wiete Lenk war eine Premiere in doppelter Hinsicht. Auftakt einer neuen Reihe: die erste „Autoren-Lese“ im Johannstädter Kulturtreff… außerdem war es der Auftritt von Wiete Lenk mit ihrem ersten eigenen Buch „Drei Wochen drüber“, ein Band mit Kurzgeschichten. Die Verfasserin ist eine Frau mit Lebenserfahrung. Als Stewardess hat sie nach dem Abitur zunächst gearbeitet, später Betriebswirtschaft studiert. Seit 2004 veröffentlicht sie Prosa. Ihre Kurzgeschichten, von denen sie fünf vorstellte, sind mitten im Alltag angesiedelt. Wie und worüber einfache Menschen sprechen, gibt diese Prosa in fast naturalistischer Genauigkeit wieder: Sparsam ist der Erzählton, Figuren sind mit wenigen Strichen gezeichnet. In einer Geschichte schauen wir einer jungen Frau, neu ins Haus gezogen und mit ihrer dumpf-misstrauischen alten Nachbarin beim Wäscheaufhängen zu. Die Jüngere träumt von Farben, schwärmt von Malern. Alles bekommt etwas glückstaumelnd Poetisches. Am Ende überraschende Wendung: Wir erfahren ein Detail – mehr wird nicht verraten, das alles in ein anderes Licht taucht.

In der Titelgeschichte geht es um die schwierige Lebensentscheidung für oder gegen das Kind nach der Trennung vom Vater: Das Ungewöhnliche daran: Es ist mal aus der Perspektive der alleinstehenden Mutter, dann aus der ihrer Tochter erzählt, die mit 19 Jahren schwanger ist. Die Konstellation wiederholt sich. Angst, Unsicherheit, Sehnsucht - davon erzählt der Text. Von Waren auch, die Ersatz für die Seele versprechen. Die Mutter hat sich damals nach der Entbindung eine teure Armbanduhr gekauft, „weil dieses glatzköpfige, runzlige vor wenigen Tagen aus meinem Körper geschlüpfte Kind nicht ausreichte, um mich mit Glück zu füllen.“

In anderen Geschichten driften Vorgänge, ganz realistisch erzählt zunächst, ins Irreale. Die Begegnung eines Mannes und einer Frau beispielsweise. Er besitzt die Augen eines Huskys und behauptet, über das feine Hundegehör zu verfügen, mit dem er den Schrei von Dornen beim Eindringen in die Haut hören könne. Schließlich bricht auch die tierische Natur der Frau hervor.

Dann wieder ist es ein Student, Genetiker, Spezialist für Darwin und exotische Vogelarten, der in eine WG einzieht. Auch hier geschieht so eine witzig irre Verwandlung ins Forschungsobjekt, wie man sie aus den makabren Storys des Briten Roald Dahl kennt. Auf solche unterhaltsamen Überraschungseffekte setzt diese Autorin, auf das Phantastische, das harmlos Alltägliches in Ungewöhnliches, auch Unheimliches verwandelt.